Wie google Android immer weiter aus dem Open Source Bereich herauszieht

Gastartikel von Richard Lilienthal

 

Googles Handy Betriebssystem ist Open Source – wirklich? Tatsächlich können diejenigen, die wollen, auf Grundlage des Codes programmieren. Aber ein Gemeinschaftsprojekt, ein Marktplatz, auf dem die beste Technologie zusammengetragen wird, ist es zumindest auf den gängigen Smartphones nicht mehr. Dies ist das Bild, was eigentlich Linux gerne von sich zeichnet, im Gegensatz zur „Kathedrale“, wie das z.B. Windows Betriebssystem. Es scheint tatsächlich so als hätte das Open-Source-Projekt kaum noch eine Relevanz. Ein Blick auf die Entwicklung von Android zeigt diese Tendenz.

Jede (Erfolgs-) Geschichte hat einen Anfang

Wo kommt Android eigentlich her? Viele Nutzer verbinden das mobile Betriebssystem fest mit Google. Faktisch gesehen, handelt es sich bei Android tatsächlich um einen Einkauf seitens Google im Jahr 2005 und damit zunächst nicht um eine eigene Entwicklung. Für eine aus heutiger Sicht geradezu lächerliche Summe von 50 Mio. USD übernahm Google Android, das ursprünglich aus der Feder von einem Kreis ambitionierter Programmierer um Andy Rubin stammt.

Alles begann mit Andy Rubin

Andy Rubin, ein US-amerikanischer Softwareentwickler, startete seine Karriere 1989 bei Apple Inc und programmierte bereits Ender der 90er Jahre ein Betriebssystem und eine Schnittstelle für mobile Geräte mit dem Namen Magic Cap. Allerdings gelang diesem System nie der große Durchbruch. Nach diversen Jobs bei einigen Techfirmen gründete Rubin im Jahr 2003 schließlich das Unternehmen Android und begann mit einer neuen Entwicklung eines mobilen Betriebssystems. Als Rubin dann bei einer Andriod-Präsentation an der Universität Stanford einen der beiden Google Gründer, Larry Page, kennen lernte, bahnte sich die Erfolgsgeschichte ihren Lauf. Larry Page war sofort Feuer und Flamme von der Idee Rubins, ein freies mobiles Betriebssystem zu entwickeln.

©andy rubin (Joi Ito/ Flickr, CC BY 2.0)

Noch im selben Jahr kaufte Google Android und Andy Rubin wurde zum Vice President of Engineering ernannt. Die Google Gründer Larry Page und Sergey Brin bezeichneten ihren Zukauf damals als „die beste Übernahme aller Zeiten“. Schließlich verließ Rubin den Google Konzern Anfang 2013 und Senior Vice President für Android-Apps Sundar Pichai übernahm seinen Posten.

Offiziell legte Google dieser Tage den Code offen und warb mit der Flexibilität im Gegensatz zu Apple Produkten. Die Wahl der Lizenz erlaubt es neben offener Programme allerdings auch Programme, die auf geschlossenem Code basieren, zu entwickeln. Die Wahl dieser Apache Lizenz ASL2.0 war bewusst gewählt: Zum einen kann von den Innovationen der freien Entwickler profitiert werden, zum anderen kann mit closed source Programmen z.B. über den Google Play Store bares Geld verdient werden. Grund genug für Joe Hewitt, bekannt aus dem Mozilla Projekt, bereits 2010 die Open Source Rhetorik von Google als „Mogelpackung“ zu kritisieren. Diese Kritik nahm stetig zu schließlich gehöre zu Open Source mehr als die „richtige“ Lizenz, sondern eben ein bestimmtes, offenes Entwicklungsmodell in dem Mitarbeit und Einsichtnahme möglich und erwünscht sind. Google hält aber an der Bezeichnung fest, was – formal – auch nicht widerlegt werden kann.

Der zweite Schlüssel zum Erfolg – Die Gründung der Open Handset Alliance

© Open Handset Alliance (Danny Sullivan / Flickr, CC BY 2.0)

Die Open Handset Alliance ist ein Konsortium aus 87 Unternehmen, mit dem Ziel, einen offenen Standard für Mobilgeräte zu schaffen. Gegründet wurde die Vereinigung im Jahr 2007, als übrigens auch das erste iPhone von Apple auf dem Markt erschien. Mitgliedern des Konsortiums ist es bis heute nicht gestattet, Geräte herzustellen, die eine zu Android inkompatible Version der Software nutzen. Aus heutiger Sicht betrachtet, war genau diese Restriktion der Schlüssel zum Erfolg, der es Android und damit Google ermöglichte, auf fast allen mobilen Endgeräten der Welt Fuß zu fassen.

Möglicherweise haben viele Konzernchefs zu dieser Zeit noch nicht absehen können oder wollen, wie schwer es für sie einmal sein dürfte, ein eigenes Betriebssystem erfolgreich gegen Android auf dem Markt zu platzieren. Lediglich Samsung schaffte es mit Samsung Tizen, ein eigenes OS bis zur Marktreife zu entwickeln, wenn gleich die Geräte, auf denen Samsungs Tizen läuft, bisher nur in Indien erhältlich sind.

 

©Tizen smartphone – Samsung Z1 (Kārlis Dambrāns / Flickr, CC BY 2.0)

 

Android bahnt sich seinen Weg

Im Herbst 2008 erschien das erste Smartphone mit Android OS auf dem Markt. Ein mobiles Gerät, gefertigt von HTC, das ein halbes Jahr später unter dem Namen G1 von T-Mobile bekannt wurde. Bereits im G1 steckten die hauseigenen Google-Dienste wie Google Mail und der Android Market (später Playstore). Darauf folgten in kurzer Zeit viele weitere Android-Geräte. Ganz anders als bei Apples iOS gibt es bisweilen hunderte Smartphones verschiedener Hersteller mit Android OS. Ganz klar: Google hat den Markt mit Android durch schiere Masse erobert.

Android Samrtphones gibt es so gut wie für jeden Geldbeutel. Gerade in Ländern wie China, in denen die Nachfrage besonders hoch ist, konnte sich Googles Betriebssystem rasant Marktanteile sichern. Auf 85 Prozent aller weltweit neu verkauften Smartphones läuft mittlerweile das Betriebssystem von Google. Microsofts Windows Phone kommt hier gerade einmal auf 3 Prozent, während sich Apple mit iOS 12 Prozent Marktanteile sichert.

Wie open source ist Android wirklich?

Im Grunde genommen handelt es sich bei Android um ein freies System. Das heißt, jeder Entwickler kann mithilfe des Android Open Source Project (kurz AOSP), eine eigene Firmware für Geräte entwickeln. Genau aus diesem Grund gelang es Android, eine Vielzahl von Fans zu gewinnen, die dann eigene Apps und Oberflächen programmierten. Allerdings gilt das nicht für Google Apps: Google Apps sind closed source. Hersteller, die ein eigenes Android Handy auf den Markt bringen wollen und gleichzeitig Google Apps integrieren, müssen diese von Google lizensieren lassen. Und das lässt sich Google einiges kosten und die Rechnung geht auf, denn viele Google Dienste lassen sich von modernen Smartphones nicht mehr wegdenken. Gerade bei der App-Integration sehen sich bisweilen einige Hersteller durch Google eingeschränkt. Sei es YouTube, Google Maps, Gmail, die Google Suchfunktion, SMS und sogar Anzeigen für Bildergalarien. Hersteller können sich nicht aussuchen, welche dieser Apps sie auf ihren Geräten installieren wollen. Alle Google Apps müssen vorhanden sein, sonst darf sich das Betriebssystem nicht Android nennen. Auf jedem Android Smartphone, das man heutzutage kaufen kann, sind deshalb Google Apps vorinstalliert. Und je mehr Dienste von Google installiert werden, je bekannter diese Dienste werden, umso abhängiger wird das gesamte System von Google. Und je mehr Dienste Google entwickelt, desto kleiner wird der De-Facto Bereich, in dem Open Source Applikationen überhaupt noch eine Chance haben. Google zieht Android immer weiter aus dem Open Source Segment raus.

Das geschickte Nutzen der Marktmacht

Von Anfang an wollte Google die größtmögliche Verbreitung seines Betriebssystems erreichen, dass mittlerweile sogar in einigen Fahrzeugen integriert ist und ginge es nach Google, auch bald in jedem Smart Home Einzug halten soll. Dieses Unterfangen ist an sich völlig legitim und entspricht ökonomischem Verhalten in einer von Marktwirtschaft geprägten Welt. Einen unschönen Beigeschmack bekommt diese Strategie, wenn beachtet wird, wie sich Google gegenüber möglichen Alternativen verhält. Den diese Alternativen gibt es tatsächlich: Beispielsweise Firefox OS, Ubuntu Touch, Sailfish OS oder CyanogenMod.

Wie schwer es ist, sich gegen die Marktmacht von Google zu stemmen, zeigt das Beispiel des letzteren. Dabei handelt es sich um einen Abkömmling des Betriebssystems Android, der von einer regen Community gepflegt und weiterentwickelt wird. Mit über 11 Millionen Nutzern ist es das beliebteste Pendant zu Googles Betriebssystem. Schon 2008 mit Start des ersten Google Smartphones begann man mit der Entwicklung. Ein Jahr später erhob Google dann eine einstweilige Verfügung gegen die Mod-Entwickler. Google wollte damit die Auslieferung von Closed-Source-Bestandteilen aus dem Android Betriebssystem verhindern. Dazu gehören unter anderen der besagte Google Playstore, die GPS-Ortung sowie Google Maps oder Google Talk (später Hangouts).

Seit Jahren schon versucht Google sich den Ortungsdienst Skyhook vom „Androidleib“ zu halten. Das Bostoner Unternehmen schickt, ähnlich wie Google, Autos durch die Straßen, um Funknetze zu registrieren. Die dadurch gesammelten MAC-Adressen der WLAN-Router sollen später Smartphone Nutzern dienen, um auch ohne GPS in der Stadt navigieren zu können. Die Positionierung soll dabei genauer funktionieren und zudem stabiler sein als mit GPS. Bislang sind die Source Codes der GPS Ortung bei Android jedoch durch Google gesperrt, wodurch Skyhook daran gehindert wird, eine eigene Ortungs-App auf Basis der MAC-Adressen im Playstore anbieten zu können. Leitragende sind letztlich die Nutzer, denen eine potenziell gute Anwendung verwehrt bleibt.

Fazit & Ausblick

 

Ob die Strategie Googles die Entwicklung von Android mit „Open Source“ zu etikettieren gerechtfertigt ist, mag eine Glaubensfrage sein. Dass durch die gewählte Apache Lizenz und dem Boom um eigene Dienste das Projekt Android immer mehr aus dem Open Source Bereich herausgezogen wird, scheint jedoch Fakt. Die Marktmacht, die Google durch die Open Handset Alliance Vereinbarungen bekommt tragen ihren Teil dazu bei.

Zeit also, sich nach Alternativen umzusehen? CyagenoMod bietet zumindest eine Plattform für Programmierer und User, die sich nicht zu sehr von dem US-amerikanischen Großkonzern abhängig machen wollen. Bleibt die Frage, inwieweit solche Entwicklungen sich behaupten können. Der beste Weg ist hier wohl auch der unbequemste: Sich selbst aus dem sicheren Hafen, der Halb-Kathedrale Android entfernen und einfach mal Alternativen ausprobieren. Denn dieses Ausprobieren ist genau das, wovon die Alternativen leben und – am Leben bleiben.

Autor:

Richard Lilienthal ist Redakteur bei www.mobildiscounter.de und hier zuständig für den Bereich neuster technischer Innovationen sowie alternative Betriebssysteme für Smartphones.

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